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Kohl-Meise Pieps

Mein kleiner Findling Pieps

 

Pieps, als er schon fliegen konnte

Hallo liebe Besucher ....
Hier möchte ich Euch noch schnell erzählen, was es mit der Meise Pieps auf sich hat:

Alles begann....
Nein, diesmal nicht mit einer Plastiktüte, sondern mit einem Schuhkarton.
So einen Schuhkarton brachten mir zwei 7 - 8jährige Buben eines Juli Nachmittags in meinen Laden. Die beiden hatten wenig vorher eine junge Kohlmeise vor ihrer Haustüre auf der Strasse gefunden. Erfinderisch, wie sie waren, quartierten sie den kleinen Vogel in einem alten Schuhkarton auf einigen Blättern Küchenrolle-Papier ein. Sie bastelten Luftlöcher in den Deckel und in die Deckelmitte natürlich ein grosses Guckloch, damit sie beobachten konnten, was ihr neuer Gefährte so alles treibt. Doch sehr bald hatten die zwei ein Problem. Was frisst so ein kleiner Kerl? Die Wurst aus Mamas Kühlschrank schien er wohl nicht so zu mögen.... Daher entschieden sie sich dazu, das Kerlchen in der nahe gelegenen Zoohandlung abzugeben. So landete Pieps auf meiner Ladentheke.

Die kleine Meise war zum Glück schon aus dem Gröbsten heraus, vielleicht zwei Wochen alt. Sie hatte schon eine Menge Federn, aber die Schwung- und Schwanzfedern steckten alle noch zu einem guten Teil in den Hornhülsen und waren zum Fliegen noch viel zu kurz. Die Kleine konnte noch nicht mal richtig sitzen. Sie musste sich an meinen Fingern anlehnen, um nicht umzufallen. Gierig nahm sie gleich mal einige Tropfen Wasser an. Der weit aufgesperrte Schnabel gab erst Ruhe, als ihr Durst gestillt war. Die Fütterung erwies sich bei dem kleinen Kerlchen zum Glück als recht einfach. Da ich in meinem Geschäft ohnehin Futterinsekten für Terrarientiere verkaufe, war sie bei mir an der richtigen Futterquelle gelandet. Kleine Steppengrillen, Mittelmeergrillen, Maden, Puppen und Falter der Wachsmotte, kleine Heimchen, kleine Heuschrecken, also alles, was so ein Insektenfresser-Herz begehrt, stand zur Verfügung. Sie akzeptierte sehr schnell den Schuhkarton als neues Nest und kuschelte sich in den flauschigen Lappen. Anfangs stellte ich sie zum Warmhalten auf die Abdeckung eines Terrariums, damit sie von der Wärme der darunter befindlichen Leuchtstoffröhre profitieren konnte. So hatte sie in ihrem Karton eine Temperatur von rund 30 - 35C und musste nicht frieren.

Tja, nun ging es also los mit Füttern. Die Kleine begann schon morgens um 7 Uhr mit dem ersten lauten Gezeter. Sie hatte großen Hunger. Das ging nun für die nächsten 2 Wochen fast stündlich bis abends um 9 Uhr. Es ist kaum zu glauben, was in so einer kleinen Kohlmeise alles Platz hat. Bei einer Fütterung verschlang sie etwa 2 Wachsmaden, 2 Mittelmeergrillen, 2 Heimchen, eine Heuschrecke und 2 Steppengrillen. Und das etwa 12 mal am Tag! Für den kleinen Vogel von anfangs 12 g eine unvorstellbare Menge. Für eine gesunde Darmflora bekam sie zusätzlich bei jeder Fütterung einen Tropfen Bird-Bene-Bac, ein Präparat vom Tierarzt. Das ist ein guter Ersatz für die Verdauungsenzyme im Speichel der Vogeleltern. Damit ihr Kalkbedarf gedeckt wird, schnitt ich ihr Sepiaschale in schnabelgerechte Stückchen.
Sie erwies sich als ein sehr gelehriges Vögelchen und lernte täglich dazu. Zuerst lernte sie richtig sitzen, dann wollte sie langsam auch nicht mehr in ihrem Karton bleiben. Also zog sie um in einen kleinen Vogelkäfig. Schon wenige Tage später begann sie im Wohnzimmer mit den ersten Flugübungen. Nach zwei weiteren Tagen überraschte sie mich im Garten mit ihrem ersten, noch etwas holprigen Flug in Nachbars Garten. Bums, das gab erst mal eine satte Bauchlandung. Gut, dass Nachbars zu Hause waren. So konnte ich die Kleine gleich wieder aufsammeln. Ab da bekam sie täglich mehrere Stunden Freiflug im Zimmer. Vom ersten zaghaften Kurzstreckenflug bis zu einem gekonnten Rundflug mit Kehren und Wendungen in der Luft dauerte es gerade mal 4 Tage ! Das Zwergerl begann nun aber auch wirklich alles unsicher zu machen. Sind Meisen neugierig? Nöööööö...

sind Haarbürsten für Meisen wichtig?

sind Haarbürsten für Meisen wichtig?

Es gab nichts, was es nicht mit seinem schmalen Schnabel untersuchte. Nun landete das Kerlchen auch schon gekonnt auf meiner Schulter, zupfte mich am Ohr und bettelte mich an, wenn es Hunger hatte und gefüttert werden wollte. Überhaupt riss es immer seinen Schnabel sofort weit auf und flatterte bettelnd mit den Flügeln, wenn ich nur in seine Nähe kam.

immer hungrig

immer hungrig

Der kleine Nimmersatt musste nun aber zur Selbständigkeit erzogen werden. Immer weniger stopfte ich ihm die Insekten mit der Pinzette in den weit aufgerissenen Schnabel, immer mehr musste er sich sein Futter selbst von der Pinzette holen. Er lernte rasch, auch den Fuß als Werkzeug einzusetzen. Immer geschickter klemmte er eine Grille zwischen Fuß und Sitzstange ein und konnte sie so genüsslich zerzupfen und fressen. Naja, ich wüsste mir für mich eine bessere Mahlzeit :-)
Nach zwei Wochen war er so weit, dass er von selbst begann, dass er sich das Futter immer öfter vom Käfigboden oder seinem Futterplatz im Zimmer holte. Also legte ich ihm die Insekten nur noch vor die Füße. Pieps mußte ja schließlich lernen, daß er sich seine Mahlzeiten in Zukunft selbst fangen muß. Gleichzeitig lernte er auch selbständig an den Wassernapf zu gehen und dort zu trinken. Sein erstes Bad war allerdings eher unfreiwillig: Pieps plumpste unsanft in seinen Wassernapf, in dem er gerade so Platz hatte. So entdeckte er, daß ein Bad eine feine Abkühlung sein konnte, da es zu dieser Zeit sehr heiß war. Also hüpfte er gleich nochmal in's Wasser und plantschte bis er tropfnaß war. Da war's dann mit Fliegen vorbei. So ein nasser Vogel schafft gerade mal ein oder zwei Meter, dann ist die Bruchlandung am Boden vorprogrammiert... Doch Pieps lernte daraus sehr gut, daß er nicht gar so heftig baden darf, weil er sonst bei Gefahr nicht mehr wegfliegen kann.

Pieps nach dem ersten Bad seines Lebens

Pieps nach dem ersten Bad seines Lebens

hier schon wieder etwas trockner

hier schon wieder etwas trockner

In den gut zwei Wochen hatte Pieps so viele Insekten gefressen, dass er sein Gewicht fast verdoppelt hatte (Kostenfaktor: rund 35 Euro !). Von anfangs 12 g war sein Körpergewicht in der kurzen Zeit auf 22 g explodiert. Seine Federn waren nun auch schon zur vollen Länge gewachsen und er konnte supergut fliegen. Es war eine richtige kleine Kohlmeise aus ihm geworden.

Langsam nahte der Tag des Abschieds. Schließlich kann er ja nicht immer in meinem Wohnzimmer hausen. Ich telefonierte also mit einem Herren am Stadtrand, der sich solcher Vögel annimmt. Solche handaufgezogenen Meisen haben das Problem, dass sie meist ohne großes Zutun sehr zahm werden. Das ist für ein Leben in Freiheit völlig ungeeignet. Sie fliegen dann auch fremde Menschen an und wollen auf ihnen landen, schließlich hat das ja bisher immer gut und gefahrlos geklappt. Fremde haben aber oft für so eine zahme Meise überhaupt kein Verständnis oder sie erschrecken und schlagen nach dem Vogel. Also muß Pieps zuerst einmal in einer großen Voliere in die Meisenschule gehen und die Gefahr der Großstadt lernen. Doch der kleine Kerl wischte mir eins aus...
An einem Samstag Nachmittag, ein richtig schöner, heißer Sommertag, düste er wieder durch mein Wohnzimmer. Ich ging auf die Terrasse und rechnete mit allem möglichen, nur nicht damit: Pieps flog mir frech hinterher. In seinem ersten Schreck startete er gleich durch bis zum nahen Flieder. Dort landete er. Nach einem kurzen Moment des Schrecks sah er sich um und begann, neugierig wie er war, den Baum zu untersuchen. Er zupfte und pickte an allem herum: Rinde, Blätter und alles, was sich darauf bewegte, wurde genauestens unter die Lupe genommen. Es schien ihm sichtlich Freude zu machen, neue Gefilde erobern zu können. Er flatterte in dem Baum hin und her, flog im Kreis, schlug fast Purzelbäume in der Luft und zeigte sein komplettes fliegerisches Können. Es dauerte aber nicht lange, da vermisste er mich. Sein jämmerliches Gepiepse verriet, daß er seine "Mama" suchte. Als ich ihn rief (wir haben mittlerweile natürlich eine rege Verständigung), kam er auch sofort angedüst. Dann entdeckte er die Sonnenschutzabdekung eines Schildkrötengeheges auf meiner Terrasse. Er setzte sich drauf und nahm hier instinktiv sein erstes richtiges Sonnenbad zur UV-Versorgung. Alles, was er an Federn hatte, breitete er in der Sonne aus, bis es ihm zu heiß wurde.

sein aller erstes Sonnenbad

sein aller erstes Sonnenbad

nun schon etwas professioneller...

nun schon etwas professioneller...

Er vergnügte sich den ganzen Nachmittag im Garten, untersuchte alles mögliche und unmögliche, flatterte vom Flieder über den Winterjasmin zur Magnolie, flog aber bei Einbruch der Dunkelheit wieder mit ins Haus und bezog ganz erschöpft seinen gewohnten Schlafplatz ganz oben unter der Zimmerdecke auf einem Lampenkabel.
Tja, nun lebt mein kleiner Pieps vorerst mal im "offenen Vollzug". Tagsüber im Garten, nachts im schützenden Wohnzimmer. Mal sehen, wie das weitergeht....

das Gefieder muss wieder sortiert werden

Das Gefieder muß wieder sortiert werden

da liegt doch was...

Da liegt doch was....

Nun ist schon eine ganze Weile vergangen.... Da ich immer wieder gefragt wurde, muß ich die Geschichte meiner kleinen Kohlmeise doch noch zuende schreiben ;-)

Frech und erkundungsfreudig, wie Pieps nun mal war, beschloss er eines Abends, nicht mehr mit mir ins Wohnzimmer zurück zu fliegen. Also nächtigte er das erste Mal in seinem Leben im Freien. Den Tag darauf konnte ich ihn noch um die Terrasse herum beobachten. Dann war er erst mal verschwunden. Scheinbar ist er aber ganz in der Nähe geblieben, denn in dem Flieder in meinem Garten tauchte immer wieder eine relativ zutrauliche Kohlmeise auf, die auf meine Zurufe Antwort gab.... Auf meine Schulter kam Pieps nicht mehr geflogen, aber das ist gut so!
Vielleicht hat er (ich vermute wegen der intensiven Gefiederzeichnung, daß es ein Männchen war) im nächsten Frühjahr eine Meisendame gefunden und eine eigene Familie gegründet. Ich weiß es leider nicht, denn mittlerweile bin ich von München weggezogen. Ich wünsche ihm ein langes Meisenleben und viele Kinder und Kindeskinder.

Hier noch zwei nette Meisenlinks:
http://www.andreasholgerklein.de/Kohlmeise.html
http://publicrelations.unibe.ch/unipress/heft99/beitrag2.html

 
http://www.t-hermanni.de 15. August 2003, © E. K.


 
 
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